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Soziale Medien

Ein Stoffnashorn gegen Ulrich Siegmund – Wie sich der Wahlkampf als Kulturpolitik tarnte

Matthias Helferich, Mitglied des Bundestags

7.09.2026

Dürers Darstellung rückt den Panzer des Tieres in die Nähe mittelalterlicher Rüstungen und Kettenhemden und bietet so eine eigenwillige, zentraleuropäisch inspirierte Verarbeitung der erstmaligen Ankunft eines solchen Tieres in Europa. Hohe Kunstfertigkeit und das Interesse am Fremden und bislang Ungesehenem sicherten dem Stich eine nachhaltige Karriere; die Abbildung Dürers fand zahlreiche Nachahmungen und sollte das europäische Bild von Nashörnern für Jahrhunderte prägen. Mit seinen Druckgraphiken wollte Dürer ein breites Publikum mit seiner Kunst erreichen und monetarisierte diese auf eine fortschrittliche und kluge Weise.

Über 500 Jahre später schickt sich ein anderes Nashorn an, Karriere zu machen. Nicht das aufrichtige Interesse an anderen Erdteilen oder kaufmännisches Kalkül bewegen den in Berlin lebenden Künstler Itamar Gov. Vielmehr dürften ihn und die anderen Ausstellungsmacher die bis zu 24.200 Euro gelockt haben, die der Kulturstiftung des Bundes die eigenwillige Installation wert ist. Gereicht hat das Geld für ein übergroßes Nashorn aus weißer Ballonseide. Das klingt nicht nur wenig inspirierend, sondern ist es auch. Dennoch wurde das Ungetüm von einem sachsen-anhaltischen Nest in das nächste verbracht.

Nashörner, so ist von den staatlich alimentierten Kunstmachern zu hören, seien in der hebräischen Tradition (von der Formulierung „sich zu rhinocerosieren“) eine Personifizierung von politischem Mitläufertum. In einem Theaterstück von Eugène Ionesco, das als Folie der Installation dient, verwandeln sich opportunistische Menschen in diese Tiere. Nach Gov stehe das Nashorn daher für die Banalität des Bösen, wie Trump. Und Annegret Laabs vom Kunstmuseum Magdeburg ergänzt: „Nicht ohne Grund geht das Nashorn auf Tour durch Sachsen-Anhalt.“ Dem Letzten dürfte nun klar sein: Kunst ist hier kein Selbstzweck, sondern Instrument im Wahlkampf.

Man muss sich das mal vorstellen: ein großes weißes Stoffnashorn, bezahlt mit Abertausenden aus Bundesmitteln, sollte Ulrich Siegmund als nächsten Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt verhindern. Mit trotzig-infantilem Impetus bläst die Schau mit dem fülligen Vierbeiner ins selbe Horn der politischen Korrektheit wie große Teile des staatlich alimentierten Kulturbetriebs, der sich im Kampf gegen rechts wähnt. Dass man sich so aber selbst in jenes Mitläufer-Nashorn verwandelt, das die Installation beschwört, scheint den Kunstopportunisten nicht einzuleuchten.

Das überdimensionierte 24.200-Euro-Plüschtier aus Sachsen-Anhalt zeigt einmal mehr, wie Kulturpolitik in diesem Land nicht nur fragwürdige Qualitäten und pubertär anmutende Albereien finanziert, sondern zur politischen Meinungsmache missbraucht wird. Was der Staat selbst aufgrund seiner grundgesetzlichen Neutralitätspflichten nicht darf, wird nicht nur an fragwürdige NGOs, sondern auch an einen vermeintlich unabhängigen Kulturbetrieb ausgelagert. Über Umwege fließen auf diese Weise Bundesmittel in die Beeinflussung der Wahlergebnisse auf Landesebene – stets zum Nachteil der Opposition. Nicht die Nachfrage der Menschen, die Qualität der Kunst oder die Verpflichtung auf das Wahre, Gute und Schöne entscheiden darüber, wer in die Gunst staatlicher Förderungen gelangt. Sie erhält, wer willfährig Schützenhilfe im Wahlkampf leistet.

Der portugiesische König reichte sein Nashorn einst weiter nach Rom, wo es Papst Leo X. geschenkt werden sollte. Lebend kam das Tier nicht an, weil das Schiff, auf das man das exotische Transportgut lud, bei stürmischer See kenterte. Auch das Nashorn von Sachsen-Anhalt erlitt Schiffbruch. Die Wähler in Sachsen-Anhalt entschieden sich gegen das Nashorn und für Ulrich Siegmund.